28. Juni 2009

So sah das damals aus

tunnel neustadtSo sah das damals aus, als Halle-Neustadt noch eine Stadt war, mit einer eigenen Bürgermeisterin, die Liane Lang hieß und in einem zehnstöckigen Hochhaus ganz am Stadtrand wohnte. es hieß, ihre Wohnung sei zwei Etagen hoch, aber das stimmte gar nicht. Richtig war, dass sie vom Schlafzimmerfenster auf den kanal schauen konnte, den Hitler einst hatte graben lassen, um eine Wasserverbindung zur Saale herzustellen.

Im Brackwasser dieses Kanals waren wir baden, im Ufergehölz machten wir Lagerfeuer. Einige von uns sind hier zum ersten Mal mit dem Motorrad gefahren. Andere zum letzten Mal.

22. Juni 2009

Willst Du mit mir gehen?

Es ist schon seltsam und interessant, wie das Hirn so funktioniert. Da sieht man einen Ort wieder, aus der Jugend, und schon fallen einem alle relevanten Erinnerungen dazu ein. Es war ein Besuch im Spreepark im Plänterwald. Der ehemalige Betreiber plauderte über sich, seine schlimmsten Fehler, seine Familie, Kokain-Schmuggel, Knast und über die Zeit, die jetzt kommen soll. Eine Familiengeschichte ohne Gleichen, ein Schicksal aus Berlin. Eine Schuasteller-Geschichte mit viel Rummel.

Und das war das Stichwort. Rummel. Bei uns damals in Halle war der Rummel immer auf dem großen Platz vor der Eissporthalle. Da haben wir uns getroffen, weil um die Ecke sowieso unser täglicher Treffpunkt war. Auf der Peißnitz, hinten bei den Tischtennisplatten. Der Rummel jedenfalls zog uns an. Da konnte man an den Schieß- und Wurfbuden den seltenen Mehrfrucht-Tischwein erspielen, gelangweilt am Autoscooter rumstehen oder sich mit Mädchen treffen.

Eines Tages traf ich auch eine Mitschülerin. Verschossen war ich in sie, verliebt vielleicht auch. Aber aus heutiger Sicht war es eher “verknallt”, wie wir damals sagten. Wir gingen noch zur Schule und ich wusste, dass sie dort war, weil ER dort war. ER war aus einer höheren Klasse. Aber ich hatte mich gegenüber meinen Freunden geäußert, heute würde man vielleicht “geoutet” sagen, dass ich sie gern als meine Freundin hätte.

Die Freunde sagten dann zu mir, auf einer Wiese neben dem Rummel: He, geh hin, und frag sie einfach. Ich war sehr unsicher, denn ER war auch auf dem Rummel. Aber ich habe es getan. Irgendwann, später am Abend, ging ich hin und fragte sie. Ja, ich fragte sie, genau mit diesen Worten: Willst Du mit mir gehen? Nicht etwa: Ich mag dich. Oder Ich bin ich dich verknallt. Nein, ich fragte sie: Willst Du mit mir gehen.So einfach funktionierte das damals.

Und, seit dem Rummelbesuch im Plänterwald, weiß ich es wieder ganz genau. Ich hatte es längst vergessen, aber Sie sagte: JA. Und ich? Ich ging, nach dieser Antwort, wieder zurück zu meinen Freunden. Aus Angst vor dem, was da jetzt kommen könnte oder ich weiß nicht mehr warum. Ließ sie einfach da so stehen, mit der Antwort, mit dem, was da kommen könnte. Aber ich hatte nicht mit den Freunden gerechnet.

He, sagten sie, geh hin, du kannst sie doch jetzt nicht so einfach stehen lassen. Und ich bin dann wieder zu ihr hin. Vorsichtig fragte ich noch einmal nach, ob sie es denn auch so gemeint hätte, wie gesagt. Ja, na klar, oder so ähnlich antwortete sie. Ich fasste Mut und nahm sie an der Hand. Wie selbstverständlich gab sie mir ihre Hand, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Ich flog davon, auf sieben Schwingen und Mehrfruchtwein und Glück.

Wir waren einige Zeit ein Paar. Ich habs dann irgendwann versaut. Hab irgendwelche blöden Sprüche gemacht, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber die Zeit mit ihr war schön. Denn wir waren jung und “verknallt” (zumindest ich)…

Seit dem Ende der Schule habe ich nichts mehr von ihr gehört. Bis neulich. Ich bekam eine Nachricht von einem Klassentreffen-Wiedersehens-Ich-suche-Dich-Portal im Internet. Da hatte ich mich auch einmal eingetragen. Mit der Schule und dem Jahrgang. Sie eben auch und so wird man 25 Jahre später auf einmal miteinander konfrontiert. Zum Glück kann man sich es ausssuche, ob man sich meldet oder nicht.

Jetzt, nach den Rummel-Erinnerungen, möchte ich es lieber bei denen belassen. Es gibt Freunde aus diese Zeit, die mein ganzes Leben seitdem begleitet haben, mit denen ich immer noch guten Kontakt habe, die immer noch oder wieder Freunde sind. Aber Sie sollte einfach nur die erste Jugendliebe bleiben. So ist es mir lieber.

14. Juni 2009

Wohnung 164

Der Block 330 war einmal das Haus, in dem ich gewohnt habe. Mit meinen Eltern, meinem Bruder, manchmal mit einer Cousine. Block 330, Wohnung 164 in damals 4090 Halle-Neustadt. Ein sogenanntes Punkthochhaus. Direkt am Gimritzer Damm. Neben der Magistrale, gegenüber der Rennbahn. Das Haus gibt es noch, Blöcke nicht mehr. Jetzt gibt es Straßennamen. Das Hochhaus steht jetzt in der Unstrutstraße. An den Klingelschildern viele ausländische Namen. Das gabs früher nicht. Dafür wohnten viele Leute von der Stasi in dem Haus. Besonders in den oberen Etagen. Aber auch weiter unten. Manchmal stank es fürchterlich im Haus. Denn in der Mitte, neben den Fahrstuhlschächten, gab es einen Müllschlucker. So konnte man auf jeder Etage seinen Müll in eine Klappe kippen. Der rauschte dann abwärts. Meistens. Manches blieb hängen. Die Fahrstühle hielten nur auf den geraden Etagen. Wer ungerade wohnte, musste eine Etage laufen. Über das Treppenhaus. Dahin gelangte man über einen Balkon. Ganz oben, in der 19. Etage, gab es eine Maisonette-Wohnung, über zwei Etagen. Da wohnte ein Professor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit seiner Frau. Wir wohnten in der 16. Etage. 256 Treppenstufen. Aber der Fahrstuhl war nur ganz selten kaputt. An klaren Tagen konnte man bis ins Mansfelder Land sehen. Aber klare Tage waren selten. Die Nähe zu den Chemiewerken Buna und Leuna kostete oft die Fernsicht. Und auch den Weitblick. Die Lage war gut. Man war schnell in Halle und vor allem auch schnell auf der Peißnitz. Dort, wo ich meine Jugend verbacht habe. An den Tischtennisplatten, in der Eissporthalle.
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