Bahnhof Halle-Neustadt

bahnhof_ha_neuIm abgesperrten Bereich des Untergrundbahnhofes steht immer noch der alte Schriftzug an der Wand…

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Leider nur ein Vakuum

„Leider nur ein Vakuum“. Es war das erste Lied, das mir Schorschi auf der Gitarre beigebracht hat „Leider nur ein Vakuum“ von Udo Lindenberg. Wohl nie werde ich den Samstagnachmittag in seiner Bude in der Adam-Kuckhoffstraße vergessen. Es war einer meiner ersten Besuche bei ihm, 1982, nachdem wir uns im Jugendclub Gimritzer Damm kennengelernt hatten. Ich kam mit der Geige unterm Arm und im Rucksack ein paar Hallesche Helle, die ich nebste zwei Schachteln Alte Juwel im Spätverkauf an der Kaufhalle Magistrale in Haneu gekauft hatte. weiter lesen

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Fünfzig Jahre Einsamkeit

Abschied 

Ganz am Ende hat alles gut gepasst. Der Himmel ist bleigrau, der Morgen still, der Schnee schon schmuddlig. Auf dem halleschen Gertraudenfriedhof wird Matthias Tänzer zu Grabe getragen, mitten in einer partiellen Sonnenfinsternis, die wegen der dicken Wolken von der Trauerhalle aus nicht zu sehen ist. Tänzer hat lange gewartet auf diesen Moment. Irgendwann nach dem letzten Sommer ist er gestorben, mit 51. Ende Oktober haben die Nachbarn dann begonnen, sich zu fragen, warum man ihn gar nicht mehr sieht. Es roch auch komisch im Treppenhaus, dabei stand Tänzers Fenster schon seit Monaten offen. Anfang November ließ der Vermieter eine Leiter an die Fassade stellen und jemanden ins Wohnzimmer schauen. Notarzt und Krankenwagen mussten sich nicht mehr sputen.

Große Städte sind häufig Bühne für große Dramen, viel öfter aber Schauplatz von Tragödien so klein, dass sie gar kein Publikum haben. Menschen sterben einsam, wie sie gelebt haben. Sie liegen in ihren Betten, im Flur, im Bad. Und es vermisst sie niemand. 80 Mal im Jahr passiert das allein in Halle. 80 Leben enden, ohne dass jemand es bemerkt. Draußen auf der Straße fahren die Autos, eine Etage höher streitet ein Paar, gegenüber stößt sich ein Kind am Tisch.

Dort gibt es Tränen, hier stell der Notarzt nur noch die Todesursache fest. Keine Spuren von Gewalt, kein Messer im Rücken, keine durchwühlten Schränke. Im Fernsehen käme jetzt die Obduktion. Beim richtigen Sterben ist die zu teuer. Wenn der Tod nicht gewaltsam verursacht worden ist, muss er eine natürliche Ursache haben, sagt die Behördenlogik. Welche das war, ist dann eigentlich auch egal.

Matthias Tänzer, den alle „Matze“ nannten, ist nicht ermordet worden. Woran er starb, weiß allerdings auch niemand. Als Todestag steht „von – bis“ in den Papieren.

Tänzer, der anders hieß, aber nicht mehr gefragt werden kann, ob er seinen Namen veröffentlicht sehen möchte, hätte sich darüber nicht beschwert. „Er war ein ganz Leiser“, beschreibt ihn ein Nachbar, „und wenn er was gesagt hat, dann hatte man meistens den Eindruck, er will sich dafür entschuldigen, dass er da ist.“

Das war nicht ganz zum Schluss, sondern in den Jahren, die wohl seine guten waren. In das Haus im halleschen Norden, in das der Mann mit dem kleinen Pferdezopf und dem Schnauzer kurz nach der Jahrtausendwende gezogen war, hatte es eine Gruppe junger Leute verschlagen. Es gab Partys auf dem Dachboden, Matze Tänzer ist immer eingeladen, als netter Nachbar, dessen Alkoholproblem bekannt ist, den aber alle sympathisch finden. Früher sei er mal Mathematiker und Physiker gewesen, erzählt der schmale, scheue Gast bei einer Gelegenheit. Später habe sein Kombinat die meisten Leute entlassen. Tänzer wird arbeitslos und bleibt es von da an auch. Das Arbeitsamt, sagt er in einem der seltenen Momente, in denen er ungefragt redet, habe ihn zwingen wollen, beim Schlachten von Kälbern zu helfen. „Und das ist für ihn nicht infrage gekommen“, erinnert sich einer der Partygäste.

Lieber ging Matthias Tänzer Flaschen sammeln. Er wurde zu einem der Männer, die vormittags vor dem einen Supermarkt stehen, ehe sie nachmittags zum anderen wechseln. „Er hat immer viel getrunken“, sagt ein Bekannter, „aber er war nicht stolz darauf.“ Und nie laut, nie gewalttätig. Nur ein lächelndes Stück Stadtinventar, das sich freut, wenn ihm Leute auf der Straße zunicken.

Im Sommer sitzt Tänzer in Reichardts Garten, irgendwann läuft ihm ein Hund zu. Eine Promenadenmischung, nicht mehr jung, vom Leben gezeichnet. Zwei, die zueinander passen. „Den Hund hat er geliebt“, sind Leute sicher, die ihn trafen, wenn er auf seiner Bank saß, den Flaschensack neben sich und ein Bierchen in der Hand. Matze Tänzer ging nicht viel raus aus seinem Viertel. Wohin denn auch und warum? Hier war alles, was er brauchte, und was er wollte, hätte er woanders auch nicht gefunden.

Die Miete zahlte er bar ein, nach Möglichkeit pünktlich. Wenn er vom Flaschensammeln kam, geladen hatte an Leergut und vollem Bierbauch und Lärm machte im Flur, klingelte er, um sich zu entschuldigen. „Es war nicht zu übersehen, dass er Anschluss suchte“, ist sich ein Bekannter sicher. Matze habe den Leuten im Haus Schokoladentafeln vor die Wohnungstür gelegt, einfach so, ohne Grund. „Man könnte auch sagen, um sich dafür zu bedanken, dass man ihn überhaupt wahrgenommen hatte“.

Er lebt mitten unter allen und ist doch einsamer als der Mann auf der Leiter beim Blick in sein Zimmer. Als die junge Partytruppe nacheinander auszieht, bekommt Matthias Tänzer noch eine Weile Besuch von den Kumpels vom Supermarkt. Die Flaschen kreisen und der Qualm unendlich vieler Zigaretten wabert ins Treppenhaus. Der Vermieter muss zur Besichtigung kommen, weil sich Nachbarn über strenge Gerüche beschweren. „Es sah nicht schön aus in der Wohnung“, wird es später diplomatisch heißen, wo vermüllt die zutreffende Beschreibung wäre.

Kurz danach ist der Hund weg, der nie einen Namen hatte. Die Schwester habe ihn mitgenommen, erzählt Matthias Tänzer den Leuten im Haus. Dabei hat er gar keine Schwester. Er hat auch sonst keine Verwandten, wird das Ordnungsamt später feststellen, als es nach „bestattungspflichtigen Verwandten“ sucht, wie es im Amtsdeutsch heißt. Seine Mutter war zwölf, als sie ihn 1959 zur Welt bringt. Sie ist nicht mehr auffindbar, als sie um ihn trauern müsste.

Aber es ist nicht so, dass der Sohn nicht versucht hätte, aus dem traurigen Drama keine Tragödie werden zu lassen. Im letzten Sommer sollte Schluss sein mit dem Leben zwischen Schnaps und Selbstmitleid. Matthias Tänzer geht zur Kur in eine Suchtklinik in Thüringen. Vermutlich, sagt ein Nachbar, war das seine letzte Chance. Schon im August reist er wieder ab aus Hildburghausen, entlässt sich selbst, fährt nach Haus.

Sein Arzt schickt die Polizei hinterher. Nicht, um ihn zurückzuholen. Matthias Tänzer ist freiwillig gekommen und er kann gehen, wann er will. Nein, nur um zu sehen, wo er geblieben ist. Die Beamten treffen den Patienten zu Hause an, alles gut, danke, auf Wiedersehen. Bei einem der Polizisten gibt Matthias Tänzer später eine auf der Straße gefundene Brieftasche ab. Das Geld ist noch drin. Hat man nicht alle Tage, einen ehrlichen Finder, dem man ansieht, dass er das gefundene Geld selbst brauchen könnte, staunt der Beamte. Das nächste Mal wird er Matthias Tänzer sehen, nachdem sein Streifenwagen zur Wohnung des Toten gerufen wurde. Ja, das ist der mit der Brieftasche, das sieht er sofort.

Matthias Tänzer geht seinen letzten Weg nicht allein. Das Glück, das er ein Leben lang nicht hatte, kriecht auf einmal klebrig hinter ihm her, wo er es nicht mehr brauchen kann. Als Polizei und Krankenwagen vor der Tür stehen, fährt zufällig eine der ehemaligen Nachbarinnen vorbei. Die junge Frau hält und fragt, sie ist bestürzt und traurig. Matze tot. Sie sagt den anderen Bescheid, die damals bei den Dachbodenpartys dabei waren.

Mehr ist es nicht, mehr wird es nicht mehr werden. Zehn Tage hat das Amt, Verwandte oder Freunde zu finden. Vier Wochen danach muss Bestatterin Susann Wanasky den Beisetzungstermin festgelegt haben. Das Amt findet niemanden. Es kommt kein Nachbar, keine Schwester, keine Mutter, kein früherer Arbeitskollege, nicht einer von den Trinkkumpels. Fünfzig Jahre Einsamkeit enden unter einem kalten, grauen Winterhimmel, hinter der Urne laufen vier junge Leute, die Matthias Tänzer sechs oder sieben Jahre zuvor kennengelernt und ihn nicht vergessen haben. „Wir haben oft Fälle“, tröstet Susann Wanasky, „da sind die Menschen richtig einsam.“

Quelle: MZ

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Pelzerzug auf Abstellgleis

Morgens drängten sich die Menschen auf dem rechten Bahnsteig. Links fuhr nur eine S-Bahn ab, die kaum besetzt Kurs auf Nietleben nahm. Rechts aber donnerte um kurz nach sechs der Personenzug Richtung Buna-Werk herein. Halle-Neustadt, Tunnelbahnhof, mitten in der Woche, mitten in den 80er Jahren. Ein paar hundert letzte Züge an der F6 oder Karo, während die Bremsen kreischen. Ein paar hundert erste Schritte zur Waggontür, ein paar hundert kurze gemurmelte Grüße im Wagen. Und schon im Anfahren sind ein paar hundert Augen geschlossen; zehn, fünfzehn Minuten lang, ehe die Bahn ihre Menschenlast am Hintereingang des VEB Chemische Werke Buna wieder ausspukt. Die vom Volksmund „Pelzerzüge“ getauften Pendelbahnen zwischen der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt und den Fabriken in Buna und Leuna ratterten im Schichtrhythmus hin- und zurück. Wer in die ersten Züge stieg, war Wechselschichter in Produktionsanlagen wie Karbid oder Aldehyd. In dem danach folgten Büro-Angestellte und das Instandhaltungspersonal. Und im so genannten Mutti-Zug schließlich saßen die, die ihren Nachwuchs vor der Arbeit erst noch hatten in den Kindergarten bringen müssen. Rolf Beilschmidt ist die Strecke zwölf Jahre lang gefahren. „Jeden Morgen hin, jeden Abend zurück“, erinnert er sich, „und immer im selben Wagen, immer mit denselben Kollegen.“ Beilschmidt saß im dritten Waggon, zweite Sitzgruppe, rechte Seite, und er wusste auf dem 200 Meter langen Tunnelbahnsteig genau, wo er stehen musste, damit die Waggontür sich exakt vor ihm öffnete. Schon auf dem Weg zum Bahnhof traf der Schlosser stets einen Kollegen, auf dem Bahnsteig dann einen weiteren. Der vierte Mann stieß eine Minute später beim Halt am Neustädter Kinderdorf dazu. Da waren die Skatkarten meist schon ausgeteilt. „Wir haben bis Buna gespielt“, erzählt Rolf Beilschmidt, „und wenn die Runde nicht ganz fertig wurde, ging es nachmittags auf der Rückfahrt weiter.“ Die Zuggesellschaften auf der Pelzerlinie waren spätestens Mitte der 80er zu einem mikroskopischen Spiegelbild der DDR-Gesellschaft geworden. Die Räder drehten sich noch. Doch es bewegte sich nichts mehr. Morgens roch es muffig, nach kaltem Qualm und billiger Seife. Die Heizungen in den schmutzigen Waggons waren immer bis zum Anschlag aufgedreht, die Fensterplätze sämtlichst wie mit unsichtbaren Namensschildern versehen. Graue Gesichter hinter ungeputzten Scheiben, auf denen in Schläfenhöhe Fettflecke von den Köpfen glänzten, die sich im so genannten Schicht-Schlaf dagegengekuschelt hatten. Abteilungsleiter und Funktionär, Lehrling und Ingenieur, Monteur und Sekretärin – bei jedem Wetter duckten sich alle vor dem Sturm, der durch den finsteren Tunnelbahnhof blies. Zwanzig Minuten später dann schwankte die Brücke, die in Buna über die Gleise zum Werktor führt, unter dem Gleichschritt der im Morgengrauen herantappernden Massen. Pelzerzüge hatten die Gemütlichkeit von Mitropa-Toiletten. Die Farbe blätterte, der Boden klebte. Am Nachmittag kreisten unter Skatbrüdern und Werkstattkollegen zärtlich „Rohre“ genannte Flaschen mit Korn und Braunem. Die Skatkarten klatschten auf Aktentaschen, „Karo“ und „Neue Juwel“ qualmten. Fand ein echter Pelzer seinen persönlichen, über Jahre eingesessenen Platz im Zug nach dem Einsteigen besetzt, reichte ein Kopfnicken, um ahnungslose Schüler, die in ihren „Unterrichtstagen in der Produktion“ zum ersten Mal hineinschnupperten in die DDR-Volkswirtschaft, zurück in den Gang zu treiben. Der Tod der Zweckbahn, für die selbst eingeschworene Eisenbahn-Romantiker kaum Gefühle zu entwickeln vermochten, kam in Raten. Mit der Wende stiegen zahllose Passagiere auf das eigene Auto um. Mit dem Schrumpfen der Werke mussten noch mehr gar nicht mehr nach Buna fahren. Der längste Regionalbahnsteig der Republik leerte sich. Die Wände des düsteren Tunnels füllten sich mit greller Grafitti. Der Neustädter Bahnhof, ursprünglich als architektonisches Achtungszeichen aus Aluminium und Glas entworfen und mitten in das nie beendete Zentrum der ersten sozialistischen Stadt gestellt, verrümpelte. Das „Schiene“ gerufene Lokal, das nach Einfahrt der Bunazüge einst täglich zur dritten Schicht geladen hatte, machte zu. Später scheiterte ein halbherziger Versuch, das Gebäude zur Kulturinsel zu machen. Das Haus wurde ausgeräumt, abgesperrt und zugenagelt. Inzwischen ist vom belebtesten Bahnsteig der größten Stadt im Land nur eine leere Endzeit-Kulisse geblieben. Ein paar Trinker lagern schon vormittags verloren am Eingang, eine Handvoll Menschen wartet im Tunnel auf die S-Bahn. Die Bahnhofstreppe hinaus ins Freie, die der Maler Uwe Pfeifer Anfang der 80er als Tür zum Himmel porträtierte, ist videoüberwacht. Dennoch hat kein Fenster mehr eine Scheibe, der Blumenladen ist verrammelt, der halbe Bahnsteig hinter einer Blechwand versteckt. Die Zeiger der Bahnhofsuhr haben um 17 Minuten vor zwölf für immer Halt gemacht.

Quelle: STEFFEN KÖNAU/www.mz-web.de

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Hallesche Bademoden

Mit dem ersten Sonnenstrahl sind sie wieder da. Die Frösche. Die Angler. Und die Abenteurer auf der Suche nach Liebe, schreibt ppq über die neuen Bademoden am Kanal. Am Kanal, einer einst vom heutigen n-tv-Moderator Adolf Hitler in Auftrag gegebenen, von der Arbeiter- und Bauernmacht aber später aus Protest gegen die Vorgängerdiktatur nie zu Ende gebauten Wasserstraße im Weichbild der Stadt Halle, wirft sich der alleinlebende Herr mit seiner mitgebrachten Decke auf den noch feuchten Boden, sobald der letzte Schnee getaut ist. weiter

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So sah das damals aus

tunnel neustadtSo sah das damals aus, als Halle-Neustadt noch eine Stadt war, mit einer eigenen Bürgermeisterin, die Liane Lang hieß und in einem zehnstöckigen Hochhaus ganz am Stadtrand wohnte. es hieß, ihre Wohnung sei zwei Etagen hoch, aber das stimmte gar nicht. Richtig war, dass sie vom Schlafzimmerfenster auf den kanal schauen konnte, den Hitler einst hatte graben lassen, um eine Wasserverbindung zur Saale herzustellen.

Im Brackwasser dieses Kanals waren wir baden, im Ufergehölz machten wir Lagerfeuer. Einige von uns sind hier zum ersten Mal mit dem Motorrad gefahren. Andere zum letzten Mal.

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Willst Du mit mir gehen?

Es ist schon seltsam und interessant, wie das Hirn so funktioniert. Da sieht man einen Ort wieder, aus der Jugend, und schon fallen einem alle relevanten Erinnerungen dazu ein. Es war ein Besuch im Spreepark im Plänterwald. Der ehemalige Betreiber plauderte über sich, seine schlimmsten Fehler, seine Familie, Kokain-Schmuggel, Knast und über die Zeit, die jetzt kommen soll. Eine Familiengeschichte ohne Gleichen, ein Schicksal aus Berlin. Eine Schuasteller-Geschichte mit viel Rummel.

Und das war das Stichwort. Rummel. Bei uns damals in Halle war der Rummel immer auf dem großen Platz vor der Eissporthalle. Da haben wir uns getroffen, weil um die Ecke sowieso unser täglicher Treffpunkt war. Auf der Peißnitz, hinten bei den Tischtennisplatten. Der Rummel jedenfalls zog uns an. Da konnte man an den Schieß- und Wurfbuden den seltenen Mehrfrucht-Tischwein erspielen, gelangweilt am Autoscooter rumstehen oder sich mit Mädchen treffen.

Eines Tages traf ich auch eine Mitschülerin. Verschossen war ich in sie, verliebt vielleicht auch. Aber aus heutiger Sicht war es eher „verknallt“, wie wir damals sagten. Wir gingen noch zur Schule und ich wusste, dass sie dort war, weil ER dort war. ER war aus einer höheren Klasse. Aber ich hatte mich gegenüber meinen Freunden geäußert, heute würde man vielleicht „geoutet“ sagen, dass ich sie gern als meine Freundin hätte.

Die Freunde sagten dann zu mir, auf einer Wiese neben dem Rummel: He, geh hin, und frag sie einfach. Ich war sehr unsicher, denn ER war auch auf dem Rummel. Aber ich habe es getan. Irgendwann, später am Abend, ging ich hin und fragte sie. Ja, ich fragte sie, genau mit diesen Worten: Willst Du mit mir gehen? Nicht etwa: Ich mag dich. Oder Ich bin ich dich verknallt. Nein, ich fragte sie: Willst Du mit mir gehen.So einfach funktionierte das damals.

Und, seit dem Rummelbesuch im Plänterwald, weiß ich es wieder ganz genau. Ich hatte es längst vergessen, aber Sie sagte: JA. Und ich? Ich ging, nach dieser Antwort, wieder zurück zu meinen Freunden. Aus Angst vor dem, was da jetzt kommen könnte oder ich weiß nicht mehr warum. Ließ sie einfach da so stehen, mit der Antwort, mit dem, was da kommen könnte. Aber ich hatte nicht mit den Freunden gerechnet.

He, sagten sie, geh hin, du kannst sie doch jetzt nicht so einfach stehen lassen. Und ich bin dann wieder zu ihr hin. Vorsichtig fragte ich noch einmal nach, ob sie es denn auch so gemeint hätte, wie gesagt. Ja, na klar, oder so ähnlich antwortete sie. Ich fasste Mut und nahm sie an der Hand. Wie selbstverständlich gab sie mir ihre Hand, umarmte mich und gab mir einen Kuss. Ich flog davon, auf sieben Schwingen und Mehrfruchtwein und Glück.

Wir waren einige Zeit ein Paar. Ich habs dann irgendwann versaut. Hab irgendwelche blöden Sprüche gemacht, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber die Zeit mit ihr war schön. Denn wir waren jung und „verknallt“ (zumindest ich)…

Seit dem Ende der Schule habe ich nichts mehr von ihr gehört. Bis neulich. Ich bekam eine Nachricht von einem Klassentreffen-Wiedersehens-Ich-suche-Dich-Portal im Internet. Da hatte ich mich auch einmal eingetragen. Mit der Schule und dem Jahrgang. Sie eben auch und so wird man 25 Jahre später auf einmal miteinander konfrontiert. Zum Glück kann man sich es ausssuche, ob man sich meldet oder nicht.

Jetzt, nach den Rummel-Erinnerungen, möchte ich es lieber bei denen belassen. Es gibt Freunde aus diese Zeit, die mein ganzes Leben seitdem begleitet haben, mit denen ich immer noch guten Kontakt habe, die immer noch oder wieder Freunde sind. Aber Sie sollte einfach nur die erste Jugendliebe bleiben. So ist es mir lieber.

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